"Killer"-Spiele II: Medien für Jedermann

Ein Meisterstück für mediale Verblendung und Verschwendung von GEZ-Gebühren in zwei Akten.

Da zeigt das heutige heute-journal einen Beitrag zur “Killer”-Spieldebatte, der im Gesamtfazit die Aussage trifft: Wer die Schuld auf die sogenannten “Killer”-Spiele schiebt, der macht es sich zu einfach. Als Experten treten zum Beispiel auf: Christoph Klimmt vom IJK Hannover, Winfried Kaminski von der FH Köln oder Michael Trier von der Gamestar.

Nach diesem Beitrag dachte ich mir: Da bin ich doch froh, die Öffentlich-Rechtlichen haben sauber recherchiert, ein guter Beitrag, hätte ich nicht gedacht.

Dann eine halbe Stunde später die Tagesthemen auf ARD. Dort ist die Aussage: Computerspiele sind schlimm, sie fördern Gewalt, wahrscheinlich können wir aber nur wenig dagegen machen. Es treten Menschen auf wie Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (übrigens laut seinem Lebenslauf leidenschaftlicher Sportschütze, was nicht im Beitrag erwähnt wird aber durchaus interessant ist in Hinblick auf die Debatte), ein Sprecher von Spielehersteller electronic arts , der mit recht laschen, die Branche verteidigenden Kommentaren gezeigt wird, und als Höhepunkt: Ein Kommentar von Norbert Carius vom Saarländischen Rundfunk. In seinem Kommentar sagt Robert Carius, er spiele nicht Videospiele, weil er um ihre Gefährlichkeit wisse. Damit meldet sich jemand zu Wort, der erstens zugibt, keine Ahnung von Computerspielen zu haben, und zweitens nicht einmal eine Unterscheidung zwischen gewaltverherrlichenden Spielen und allen anderen Spielen macht. Na klasse! Er redet von “skrupellosen Herstellern”, die unsere Jugend “geistig vergiften”, und generalisiert, wer als Kind solche Spiele spiele, der sei hochgefährdet, und man wisse das ja schon längst. Da ist Carius in seiner Meinung nicht weit vom bayerischen Innenminister Beckstein entfernt, der dazu meint, Killer-Spiele sollten “in der Grö߸enordnung von Kinderpornographie eingeordnet werden, damit es spürbare Strafen gibt” (Quelle: tagesthemen.de).

Ich glaube es ist klar geworden, von welchem Beitrag ich mehr halte. Aber ganz abgesehen davon frage ich mich jetzt: Wieso machen zwei öffentlich-rechtliche Sender Fernsehbeiträge zu einem Thema, positionieren sich stark unterschiedlich und laden Experten ein, die die jeweiligen Grundthesen unterstützen? Meine Antwort darauf ist frei nach Logau: Allem Winde Segel geben!
Wer im Ersten einen contra-Beitrag zur “Killer”-Spiele-Debatte und im Zweiten einen pro-Beitrag dazu zeigt, der erzielt halt eine höhere Quote, weil er alle erreicht. Nur mit einer ernsthaften Debatte zu dem Thema hat das leider gar nichts zu tun…

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4 Kommentare zu "Killer"-Spiele II: Medien für Jedermann

  1. Elias sagt:

    Die gesamte “diskussion” über “killerspiele geht völlig am tema vorbei. (Es ist ja gar keine “diskussion”, sondern die “killerspiele” werden als billige deutung in die medien gedrückt.)

    Der “amokläufer” (es war übrigens auch kein amok, sondern ein geplanter und sorgsam durchgeführter mordanschlag) hat sich selbst zu seiner tat geäußert [http://www.mein-parteibuch.de/2006/11/21/abschiedsbrief-des-amoklaeufers-von-emsdetten/], was aber von der gewöhnlichen jornalje völlig ignoriert wird. Dabei gibt dieses schreiben – zusammen mit der form der durchführung – einen deprimierend klaren blick in die motivazjon eines mörders und auch in die gesellschaftliche bedingtheit dieser motivation. (Mir ist der blick etwas zu klar gewesen.) Aber das würde eine differenzierte auseinandersetzung mit dem vorliegenden material erfordern, also jornalistische tätigkeit – und dafür nimmt sich die jornalje der jetztzeit eben nicht mehr die zeit. Schnelle, affektheischende worte müssen her, und bewegende bewegte bilder dazu.

    Dass die gesamten veröffentlichungen von Bastian momentan von den polizeibehörden unserer kleinen bananenrepublik aus dem internet entfernt werden, verbaut vielen menschen die letzte möglichkeit, ein etwas ausgewogeneres bild des ganzen vorganges zu erhalten.

  2. Achim sagt:

    Dass der Brief aus dem Netz entfernt wurde, ist mir auch völlig unverständlich. Dazu ganz interessant ist ein Artikel in der Telepolis von Florian Rötzer: Ich hasse es, überflüssig zu sein. Die Telepolis hat übrigens auch das Bekenntnisschreiben veröffentlicht: Ich will R.A.C.H.E.

  3. Martin sagt:

    Langsam ticken die alle aus. Was in der Medienlandschaft passiert ist eine kontinuierliche Ver-BILD-ung.

  4. Christoph sagt:

    Zu der Ô“ffentlich-Rechtlichen Quoten-Verschwörungstheorie: ZDF und ARD, bzw. heute-journal und Tagesthemen arbeiten nicht zusammen, sondern sind Konkurrenten (Wobei das heute-journal klar vor den Tagesthemen liegt).

    Die vom heute-journal sind jünger, frischer und haben einfach besser recherchiert als die stockkonservativen ARD Damen und Herren. Anne Will hat ja in der Anmoderation sogar behauptet, Robert Steinhäuser (Erfurt) sei fanatischer Counterstrike Spieler gewesen. War er nicht, wie ein einziger Anruf beim leitenden Staatsanwalt in Erfurt ergeben hätte. Das ZDF behauptet auch das schon lange nicht mehr.

    Kurz: In dem Fall war klar, wo die Gebühren richtig angelegt waren und wo nicht.

    PS: Die Privaten machen gerade bei dem Thema ja sowieso nur Sensation, daher ist der Umgang mit der Killerspiel-Debatte ironischerweise auch ein kleines Plädoyer für den Erhalt der öffentlich-rechtlichen Medien. 😉

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